Leben retten mit dem Web 2.0

Eine Revolution in der Krisenkommunikation steht bevor: Der Abschlussbericht zu den Auswirkungen der jüngsten japanischen Tsunami-Katastrophe hat deutlich gemacht, dass sich im Bereich des Katatstrophen- und Bevölkerungsschutzes neben den bisherigen, meist auf eine top-down- Kommunikation setzender Informationskanäle zusätzliche, neue Kanäle der Kommunikation etabliert haben. Die Bedeutung dieser neuen Kommunikationskanäle, die zusehends auch auf eine bottom-up-Kommunikation setzen, steigt weiter. Auf diese Entwicklung müssen die Akteure des Katastrophen- und Bevölkerungsschutzes reagieren.

Eine Revolution in der Krisenkommunikation steht bevor: Der Abschlussbericht zu den Auswirkungen der jüngsten japanischen Tsunami-Katastrophe hat deutlich gemacht, dass sich im Bereich des Katatstrophen- und Bevölkerungsschutzes neben den bisherigen, meist auf eine top-down- Kommunikation setzender Informationskanäle zusätzliche, neue Kanäle der Kommunikation etabliert haben. Die Bedeutung dieser neuen Kommunikationskanäle, die zusehends auch auf eine bottom-up-Kommunikation setzen, steigt weiter. Die Akteure des Katastrophen- und Bevölkerungsschutzes müssen auf diese Entwicklung reagieren.

Vermeintliche Opfer sind auch bedeutsame Akteure. Der vor wenigen Wochen erschienene, von der japanischen Regierung in Auftrag gegebene Abschlussbericht zu den Auswirkungen der japanischen Tsunami-Katastrophe auf die Kommunikationsinfrastruktur enthält wichtige Hinweise auch für den bundesdeutschen Katastrophenschutz. Im Katastrophenfall kommt es entscheidend auf schnelle Hilfe an. Die Aufrechterhaltung einer möglichst breiten Palette von Kommunikationsmöglichkeiten für die Bevölkerung ist dabei von maßgeblicher Bedeutung. Während in Japan die klassische Telefonie nach dem Tsunami über längere Zeiträume von erheblichen Ausfällen betroffen war, funktionierten SMS und Kommunikationsangebote des Internets in bedeutend größerem Umfang. Und Web 2.0-Angebote ermöglichten nicht nur das Absetzen von Hilferufen, die Kontaktaufnahme und Lokalisierung von eingeschlossenen Angehörigen, sondern zeitnah auch interaktive Angebote zur Ermittlung der Bedarfe von Betroffenen, so etwa das Wiederauffinden und die rasche Zusammenführung von Evakuierten.

Politik und Verwaltung sind in der Pflicht aus zurückliegenden Katastrophen die richtigen Schlüsse für einen besseren Katastrophenschutz zu ziehen. Auch die Katastrophenschutzbehörden müssen sich deshalb den Möglichkeiten der Nutzung von social media-Angeboten stellen. Eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung erwartet mehr Präsenz staatlicher Stellen in entsprechenden Angeboten. Es bedarf daher neuer, im Katastrophenfall etablierter und vertrauenswürdiger Informationskanaläle. Beim Katastrophenschutz kann dies buchstäblich Leben retten und Leid vermindern. Es sollten zügig  Konzepte und Anwendungen für den Bevölkerungsschutz mit der Hilfe des Web 2.0 unter Beachtung aller gesetzlich relevanten Bestimmungen erarbeitet werden.

Social Media und Behörden
Auch bei der, insbesondere von Behördenvertretern (DWD, THW, Feuerwehr, BMI) gut besuchten Auftaktveranstaltung der neugegründeten Arbeitsgruppe social media und Krisenkommunikation des Zukunftsforums öffentliche Sicherheit (ZOES) wurde schnell deutlich: es handelt sich um eine sich ganz aktuell bei vielen Teilnehmern entwickelnde Thematik mit zahlreichen offenen Fragen. In einem eröffnenden Vortrag erläuterte Tobias Arns vom Verband der Internetindustrie BITKOM den Stand im Bereich social media. Ein weiterhin exponentielles Wachstum, eine unter dem Schlagwort des Web 2.0 unüberschaubare, ausdifferenzierte Vielfalt von Angeboten und tatsächlichen Nutzungen sowie die wachsende Akzeptanz von social-media-Angeboten auch als vertrauenswürdige Informationsquelle prägen das Bild. Arns meinte, es gebe eine Generation von Nutzern, die sich schwerpunktmäßig in einem von ihnen selbst zusammengestellten Fluss aus social media-Informationsquellen bewegten, bei denen allein darauf vertraut werde, dass relevante Informationen sie über genau diese Kanäle ohnehin erreiche und nicht aktiv an anderen Orten eingesammelt werden müssten.

Im Anschluss zunächst kontrovers diskutiert wurde, völlig losgelöst von der engeren Frage nach der Krisenkommunikation, das Für und Wieder der behördlichen Präsenz in social media-Angeboten. Dabei wurde deutlich, wie sehr ganz praktische Fragen der Realisierbarkeit von social media-Angeboten angesichts der Ressourcenfrage im Vordergrund stehen. Wenn personell wie finanziell knapp bemessene Mittel zur Verfügung stehen, wird der Aufbau von social media neben der klassischen Aufgabenerfüllung zur besonders zu rechtfertigenden Herausforderung. Ebenfalls unter der Ressourcenfrage zu fassen waren die erkennbaren Anforderungen einer nahezu durchgängigen und vor allem reaktionsschnellen Präsenz, die von einigen Teilnehmern als zwingende Voraussetzung der Glaubwürdigkeit beschrieben wurde. Nur mit Offenheit und Dialogorientierung könne ein von den Nutzern akzeptiertes Angebot geschaffen werden, was in der Tendenz immer im Widerspruch zu den behördlich festgelegten Entscheidungs- und Abstimmungsstrukturen stünde.

Hinsichtlich der möglichen Zielsetzung einer behördlichen Präsenz wurde „die Tatsache der Präsenz selbst“ betont: in dem Maße, in dem social media-Angebote für einen großen Teil der Bürger zum prägenden Realitätsmedium werden, rückt die Sichtbarkeit und Erreichbarkeit selbst für öffentliche Stellen in den Vordergrund. Sie wird in einem sich ausdifferenzierenden Feld medialer Öffentlichkeit zu einem zusätzlichen Öffentlichkeitskanal mit besonderen Eigenschaften nicht zuletzt deshalb, weil es von der Öffentlichkeit erwartet wird. Einzelne Studien belegen mittlerweile diese Erwartungshaltung. Davon unabhängig hat sich längst eine von den Grünen unterstützte breite Netz-Bewegung etabliert, die entsprechende Möglichkeiten der Online-Kommunikation unter dem Stichwort Open Government aktiv einfordern. Im Kern der Überlegungen: Transparenz und Partizipation können eine Stärkung der Demokratie bewirken, die durch unterschiedlichste gesellschaftliche Veränderungen unter Druck zu geraten scheint.

Konkret für die Krisenkommunikation via social media durch öffentliche Stellen wurden Fragen nach der Abgrenzbarkeit des Themas, der rechtlichen Rahmenbedingungen, des Umfanges (bloße Information oder Rückkanalfähigkeit), Bewertung der Vertrauenswürdigkeit von Quellen z.b. angesichts deren Manipulierbarkeit, aber auch eine Erhebung zum status quo in diesem Bereich aufgeworfen. Hingewiesen wurde auf das umfängliche allgemeine Angebot der Stadt Hamburg zur Frage der Nutzung von social media als erste Orientierung.

Von Seiten der Feuerwehr ganz konkret betont wurde das aktuell drängende besondere Problem der Erreichbarkeit der Bevölkerung durch Warnungen.

Die Arbeitsgruppe wird in weiteren Sitzungen den Fragen nachgehen und ggfls. auch versuchen, konkrete Handlungsempfehlungen für den Bereich der Krisenkommunikation im Feld des Katastrophenschutzes auszuarbeiten.

3 Comments

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  2. Patrick H.

    Das Web 2.0 könnte wohl noch viel mehr, als nur Krisenkommunikation via Social Media, aber manchmal sind die Vorstellungen dafür noch nicht überall weit genug gereift.

    Beispiel: Nach der Erdbeben-Katastrophe in Haiti vor zwei Jahren gab es eine bemerkenswerte Zusammenarbeit unterschiedlichster Aktivisten. Dank der Datenspende des kommerziellen Satellitenbetreibers Geo Eye, der Satellitenfotos der Stadt Port au Prince keine 48 Stunden nach dem Erdbeben online zur freien Verfügung gestellt hat, konnten viele Freiwillige, die sich bei OpenStreetMap engagieren, innerhalb kürzester Zeit hochaktuelles Kartenmaterial erstellen, das in kürzester Zeit besser wurde.

    Dank der Möglichkeit, OSM-Daten in das Garmin-Karten-Format zu konvertieren, konnten Einsatzkräfte, die vor Ort mit handelsüblichen Garmin-Geräten unterwegs waren, stündlich brandaktuelles Kartenmaterial auf ihre eigenen Geräte laden, und so im völligen Chaos einen Überblick behalten.

    Diese Hilfe war natürlich nur ein Teil neben professionellen Experten, die sich ebenfalls anhand von Luftbild-Aufnahmen einen strategischen Überblick verschafft haben. Aber dennoch hat dieses Beispiel gezeigt, welches gigantisches Potential kreative Freiwillige zu Hause an ihrem Rechner entfesseln können um ganz konkrete Hilfe vor Ort leisten zu können. Und welche Bedeutung es dabei hat, wenn Datenmaterial völlig frei zur Verfügung steht.

    Weitere Infos z.B. unter:
    http://heise.de/-908472
    http://wiki.openstreetmap.org/wiki/Humanitarian_OSM_Team

  3. KonstantinNotz (Post author)

    Lieber Patrick,

    herzlichen Dank für Deine ausführlichen Erläuterungen. Wir sind uns im Klaren darüber, dass die Möglichkeiten noch sehr viel weitgehender sind. Gerade die Chancen von Open Data für Entwicklungshilfe, aber zum Beispiel auch für die Katastrophenvorsorge, sind enorm. In der Veranstaltung des Zukunftsforums Öffentliche Sicherheit ging es aber explizit um die Chancen der Social Media für den Katatstrophenschutz und die Krisenkommunikation.

    Nochmals herzlichen Dank für Deine Ausführungen.
    JoernPL für die Redaktion

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